Tagebuch schreiben – gute Therapie!

Nach dem israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky entsteht „Salutogenese“, also Erhaltung der Gesundheit, aus der Kohärenz von Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit und Handhabbarkeit. Es ist nicht unbedeutend, dass er sein Konzept anhand von Holocaust-Überlebenden entwickelt hat. Er zeigt damit, wie ein Mensch in einer Extremsituation an Körper, Geist und Seele gesund bleiben kann.

Wenn man die Sinnhaftigkeit dem Gefühl zuordnet, dann geht es um eine Integration von Denken, Fühlen und einem aus innerer Freiheit geleiteten Handeln. Was haben wir wahrgenommen und erlebt? Wie geht es uns damit (Gefühl)? Was sind unsere Gedanken?

Beim Tagebuch-Schreiben werden Denken und Herz auf besondere Weise miteinander verbunden und finden im Schreiben ihren tätigen Ausdruck.

Die Energieströme von Herz und Kopf fließen im Schulterbereich zusammen und direkt über den Arm in die Hand. Dort finden sie ihren Ausdruck. Das können wir uns richtig bildlich vorstellen. Tätig sind wir mit unseren Gliedmaßen und unseren Worten – beim Schreiben haben wir die Bewegung mit der Hand und den Ausdruck durch Sprache! Wir handeln also auch schon beim Aufschreiben.

Das Tagebuch-Schreiben integriert auch auf einzigartige Weise unsere persönliche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Zumeist schreiben wir Vergangenes auf, was in dieser Zeit auch zeitgeschichtlich von unschätzbarem Wert ist; insbesondere wenn wir nicht nur aufschreiben, was in der Außenwelt geschieht – dies halten schon viele andere fest -, sondern was WIR dazu denken und wie es UNS damit geht.

Damit kommen wir in die Gegenwart, denn wir „reflektieren“ das Erlebte mit unserem Denken und unserem Herzen. Wir verweilen, indem wir versuchen, unsere Gedanken zu ordnen und unsere Gefühle in Sprache zu übersetzen. Jetzt, da wir das Erlebte mit etwas zeitlichem Abstand niederschreiben, welche Gedanken und Gefühle kommen uns dazu?

Es ist erstaunlich, dass die Hand oft „mehr weiß als ich selbst“ und man wundert sich oft beim Aufschreiben über die Gedanken, Erkenntnisse und Ideen, die einem dabei kommen und die vorher nicht bewusst waren. Die oben genannten Energieströme fließen also von der Hand wieder zum Herzen und zum Denken zurück.

Sehr oft tut man nach dem Tagebuch-Schreiben etwas Neues oder sogar nimmt in einem Bereich einen kleinen Richtungswechsel vor!

Damit wenden wir uns der Zukunft zu, ohne dies vorher geplant zu haben.

Beim Tagebuch-Schreiben verbinden wir uns oft unbemerkt mit unserem höheren Ich und werden von diesem inspiriert. Es schwebt darin ein Hauch von Ewigkeit. Wir treten aus unserem Alltags-Ich heraus und betrachten uns, unser Leben und unsere Situation von einer höheren Perspektive aus – und sind doch ganz präsent. Das kann dazu beitragen, dass wir den Sinn unseres Lebens in dieser Zeit erkennen und (neu) finden.

Welche Tageszeit oder welcher Wochentag eignet sich für mich zum Tagebuch-Schreiben?

Vielleicht komme ich in der Hitze und der Aufgeregtheit des Tages oder der Woche nicht gut zur Ruhe, und ähnlich wie bei der Meditation eignet sich der Morgen oder der späte Abend? Wie bei vielem hilft vielleicht ein regelmäßiger Zeitpunkt und vielleicht auch ein gewohnter Ort, um „bei der Stange zu bleiben“. Nicht zuletzt in dem Bewusstsein, dass es sich um ein wichtiges Dokument für die Nachwelt handelt. Das berühmteste Tagebuch der Welt ist das „Tagebuch der Anne Frank“ – in einer ähnlich herausfordernden Zeit geschrieben wie es die jetzige ist.